«Lieber Bruder Knüt,

Nur einige Zeilen, jetzt wo sich alles ändert hier bei mir wie auch bei dir. Die Aussichten sind nicht gut, in diesen Zeiten der Gewalt. Die Leute werden ins Gefängnis gesteckt, bevor sie sich überhaupt auf die Reise machen. Wer Reisevorbereitungen trifft, wird eingelocht. Es werden keine Fragen gestellt, keine Antwort gegeben. Alles wird mit deinem Geld bezahlt dort drin, bitte schick noch mehr.

Du solltest weiterziehen. Sie sagen es ist besser weiter im Norden. Geh nördlicher!»

SATIRE TAXIS is the only publication done after the re-districtation of the city of Zürich in 2016. The future of this project is as uncertain as the integration and evolution of this new society.

«Liebe Betani,
einige Zeilen zurück an dich.

Du musst lernen Fahrrad zu fahren. Und Emilia auch. Ich schicke dir Geld.
Wir werden uns bald treffen. Herr Stefanin wird dir sagen ,was zu tun ist.»

Unerwartete Vorkommnisse an der Förrlibuckstrasse: ein Taxidienst für Taxis

Kürzlich entdeckte Briefe der Geschwister Knüt und Betani Tsäbis werfen ein neues Licht auf die Folgen von Strassengebühren in der Stadt Zürich.

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​​​Schon bevor irgendeine Zeitung darüber berichtet hatte, gab es immer wieder Spekulationen, wenn jemand – bei der Förrlibuckstrasse in Zürich West, an der Waidstrasse in Wipkingen oder an der Ballonstrasse in Schlieren – dabei gesehen worden war, wie er ein Auto herumschob. Was zuvor als sehr ungewöhnlich galt, gehörte im Jahr 2016 immer mehr zum alltäglichen Strassenbild. Einige sahen es als grossen Witz an, als «urbanes Märchen» sogar, für andere waren die «Pushers» (1) die einzig logische Reaktion auf die strikten Vorschriften der Stadt, welche die Eigentümer von Motorfahrzeugen betrafen.

Die Wochenzeitung hat im August 2018 die Geschichte als erstes aufgegriffen. Ein kurzer Artikel wurde publiziert, auf Basis von verschiedenen Gerüchten, die besagten, die Männer umgingen damit die Zürcher Transitvorschriften, die bis heute Motorfahrzeuge beim jedem Überqueren der Stadt- oder einer Kreisgrenze mit einer Gebühr von 5 bis 20 Franken pro Auto belasten.

Ein paar Wochen später veröffentlichte die Stadtpolizei Zürich das erste von zwei Dementis und teilte mit, dass keine Präsenz von Personen, die als «Pushers» arbeiteten, bekannt sei. Der WoZ-Bericht sei deshalb «komplett fiktionaler, journalistischer Nonsense» (Stadtpolizei Zürich, 2018).

Im September 2019, ein Jahr nachdem die Angelegenheit der «Pushers» erstmals öffentlich wurde, waren diese Männer nicht mehr da und somit kein direkter Beweis mehr möglich. Sie waren verschwunden und die Gründe dafür wurden zwei Jahre danach erst entdeckt: in Form von langen Briefwechseln zwischen den Geschwistern Betani und Knüt Tschäbis, wovon letzterer später als einer der wichtigsten «Pusher» erkannt wurde.

Knüts Beschreibungen in seinen Briefen an Schwester Betani zwischen 2016 und 2018 bringen Licht in die Geschichte der «Pushers»-Gruppe. Wie er schreibt, zählte die Gruppe «nur ein paar wenige Männer». Die genaue Anzahl bleibt unklar. Bekannt ist hingegen, dass sie zusammen in einem Boot in Zürich angekommen waren. Bei ihrer Flucht aus dem Süden, auf einem kleinen, aufblasbaren Boot, erreichten sie 2015 den Zürichsee. Alle wohlbehalten, abgesehen von einigen, beim intensiven Rudern verlorenen Kilos. «Es war eine gute Ankunft!», schrieb Knut, «wir sind stark und wollen unbedingt einen Job finden».

Zu Beginn versuchten sie sich in verschiedenen Beschäftigungen, hatten aber nur begrenzte Möglichkeiten. Einwanderer ohne Arbeitsbewilligung haben wenig Chancen einen gut bezahlten Job zu finden und haben als «Sans-Papiers» kaum soziale Sicherheit. Kein Pass, keine Rechte.

Knüt beschreibt wie er auf die Idee kam, Autos für Geld zu schieben. Nach einigen Monaten in Zürich wurde ihm klar, dass die städtischen Verkehrsvorschriften die Bürger ärgerten. Er bekam mit, dass sich einige Einwohner offen ihren Missmut gegen neue Gesetze kundtaten, nachdem die Stadt neue Kreisgrenzen festgelegt hatte. Am meisten davon betroffen waren die Kreise 4, 5, 6, 9 und 12, wo viele Leute mit immer höheren Kosten für Miete, Lebensmittel und den Besitz eines Motorfahrzeugs zu kämpfen hatten. Die neuen Kreisgrenzen konzentrierten oder separierten die Nachbarschaften der Immigranten, liessen die Ausgaben für den Fahrzeugtransit in die Höhe schnellen und hatte die Schliessung von Quartierzentren zur Folge, die neu als Verwaltungsgebäude genutzt wurden.

«Es ist wirklich teuer irgendwohin zu gehen, aber uns… wir gehen überall hin, wie es uns gefällt. Wir haben die Taxis. Wo wir hinkommen, verhalten wir uns so wie es sich gehört und tun unsere Arbeit friedlich. Wir haben nie ein Problem.» Knüt arbeitete als Taxifahrer in den Monaten vor dem «Pushing» (2). Er und einige Männer seiner Gruppe waren als Stellvertreter für Taxifahrer im Einsatz, denen sie ähnlich sahen. Sie schienen in guter Bekanntschaft mit Taxifahrern aus Angola, Äthiopien und Eritrea gewesen zu sein, die über eine städtische Lizenz verfügten. Waren sie In ihrer Anstellung nicht ständig präsent, riskierten sie die Lizenz zu verlieren. Taxifahrer werden von Taxibüro und Stadtpolizei streng kontrolliert, aktive Mitarbeiter müssen zweimal am Tag ihre Fahrtenschreiberkarte checken lassen und werden regelmässig angehalten und kontrolliert. Ausserdem kämpfen sie mit der Konkurrenz von UBER, eine vom Staat viel weniger reguliertes Taxisystem.

Die kontrollierte Umgebung und die Angst davor, den Job zu verlieren, dazu die Möglichkeit zusätzliches Einkommen für die Bezahlung der Leasing-Rate ihres Fahrzeugs zu bekommen, brachte die Taxifahrer auf eine neue Idee: Die «Zurich Times» verwendete in ihrem Bericht darüber die Begriffe «Dual Work» und «labor bi-localization». Sie liessen Doppelgänger ohne Aufenthaltsbewiligung ans Steuer ihres Taxis und hatten so Zeit, noch einer anderen Arbeit nachzugehen. Der Artikel der «Zurich Times» beschreibt, dass dies nur dadurch möglich war, weil den Polizisten die Erfahrung fehlte, die Gesichter der fremdländischen Taxifahrer zu erkennen und auseinander zu halten. So hatte es auch Knüt beschrieben: Die Beamten hätten nie erkannt, dass auf dem Foto der Taxilizenz nicht sein Gesicht zu sehen war: «Das Geheimnis ist, einfach zu lächeln und nichts zu sagen», schrieb Knüt über sein Verhalten bei den Ausweiskontrollen.

Knüt und einer seiner Kollegen begannen an der Förrlibuckstrasse Autos zu schieben, an der Grenze der Kreise 5 und 10. Diese Verbindungsstrasse war dafür bestens geeignet, da es eine kleine, relativ ruhige Strasse war, die keine Aufmerksamkeit der Polizei erregte. Er entschied sich dann, sein Geschäft auf die Grenze der Kreise 5 und 6 auszuweiten. «Wir nannten es Diana Hill, weil es dort eine Pizzeria Namens Diana gibt. Es war ein idealer Platz für uns Schieber, denn man muss die Autos dort bergauf schieben oder bergab bremsen. Wir verlangten mehr Geld. Es war nur etwas für starke Leute und wir waren die besten!»

Betani schrieb ihm Ende 2016 zum ersten Mal zurück. Knüt sandte Briefe und Geld, aber nie eine Einladung an sie. In ihrem Brief stand:

















Geld kam leicht herein, wie Knüt in seinen Briefen an Betani beschrieb. Die «Pushers» arbeiteten nur in den frühen Morgenstunden und am späteren Nachmittag, bei den grössten Verkehrsspitzen. Sie schoben jeweils zu zweit in drei Strassen an der Grenze der Kreise 4 und 9, 5 und 10 sowie 5 und 6. Ihre Kunden waren meist Taxis und, auf persönliche Empfehlung, einige Privatfahrzeuge. Die «Pushers» wurden nie kontrolliert und behielten die gesamten Einkünfte für sich. Die Briefe zwischen Knüt und Bethani belegen, dass diese Aktivitäten über mindestens zwei Jahre anhielten.

Es gibt mehr als eine Theorie darüber, warum sie nie von der Polizei gestoppt wurden. Einerseits trugen sie zum flüssigen Verkehr bei, indem sie Fahrzeuge in die Nebenstrassen brachten. Die Taxischieberei kann ja auch als eine Art öffentlicher Service angesehen werden. Es ist auch eine Tatsache, dass das Transportgesetz die Schieberei weder ausdrücklich erlaubte noch verbot. Was niemand glauben kann ist, dass die Stadtpolizei nichts von den Schiebereien mitbekommen haben soll. Jedenfalls gibt es keinerlei Aufzeichnungen zur Existenz irgendwelcher Schieber. War die Polizei wirklich so dumm, «dümmer als die Polizei erlaubt»?

Weitere Spekulationen konzentrierten sich auf die Reorganisation der Kreise, die in der Amtsperiode 2011-2015 projektiert worden war. Nachdem die Grenzen der Kreise 4, 5, 6, 9, 10 und 12 verschoben worden waren, mit entsprechenden administrativen Wechseln und neuen Abgaben für Motorfahrzeuge im Verkehr zwischen den Stadtkreisen, protestierten immer mehr Bewohner gegen die neuen Regelungen im Rahmen der nachhaltigen Stadtentwicklung. Das neue Gesetz führte offensichtlich zur Umverteilung von Quartieren mit höherer Konzentration von Einwanderern, Arbeitslosen und anderen, sozial schwächeren Gruppen. Dank dem Zusammenschluss mit wohlhabenderen Quartieren wurden die Stadtkreise statistisch gesehen gesünder und besser durchmischt, ganz nach den Vorgaben von «Urban Policies on Diversity» (Plüss & Schenkel, 2014). Aber wie P. Rérat und L. Lees in ihrem Artikel «Spatial capital, gentrification and mobility: evidence from Swiss core cities» (2010) feststellen, will «die Schweizer Regierung die Stadt als attraktiven Standort für Unternehmen und Investoren fördern. Die Umverteilung der Vermögen und der allgemeine Wohlstand werden als Bremsklötze gegen die wirtschaftliche Entwicklung angesehen. Die neue unternehmerische Strategie führt zu einem System, in dem die Städte als Hauptakteure in der globalen Wettbewerbsfähigkeit angesehen werden.» (3)

Unter diesem Gesichtspunkt passierte diese schleichende Umgestaltung, auch Gentrifikation genannt, als Konsequenz eines gewollten Prozesses. Der Aufbau einer fortschrittlichen, umweltfreundlich scheinenden Stadt war politisch gewollt. Mittel dazu waren die Einschränkung des Autoverkehrs mit höheren Steuern und Parkplatzgebühren, der Einführung von Tempo 30 in Wohnquartieren und weiteren, strikten Vorschriften, die mit regelmässigen Kontrollen durchgesetzt wurden. Dazu passte eine sozial verträgliche Bevölkerung, wo in multikulturellen Nachbarschaften guterzogene Hipster, viele davon Einwanderer, lebten, mit Läden und Cafés die sich viele nicht leisten konnten, gut aussehende Strassenzüge mit renovierten aber kaum mehr zahlbaren Wohnungen wobei selbst ein Teil der Genossenschaftswohnungen für Normalverdiener langsam unerschwinglich wurden.

Christoph Küffer (Professor für Siedlungsökologie an der Hochschule Rapperswil) erwähnt, dass «ökologische Ungerechtigkeit vor allem deshalb entstehe, weil die Reichen und Mächtigen nichts tun. Das am meisten störende neue Konzept hat Küffer an einer Konferenz in Lugano entdeckt, das sich «Eco-Gentrification» nennt: Reiche Nachbarschaften, Städte und Nationen richten sich ihre eigenen, nachhaltigen Lebensstyl ein. Sie haben grüne Parks voller seltener Arten, nachhaltige Lebensmittel und schöne Radwege. Gleichzeitig sind sie umrundet von ärmeren Nachbarn. Dies passiert in Städten rund um die Welt und im kleinen Massstab in der Schweiz: ein schöner, sicherer Rückzugsort in den Bergen für eine globale Elite?» (4)

Diese neue Welt verdrängt die Schwächsten der Gesellschaft und hat Tätigkeiten wie das «Pushing» zur Folge, eine satirische Performance sozusagen. Menschliche Körper werden dazu gebraucht um die unerwünschten Maschinen über Grenzen und Vorschriften hinweg zu schieben. Die «Pushers» waren der Taxidienst für die Taxis, schoben diese in einer subversiven Aktion, in Umgehung staatlicher Regeln, von einem Stadtkreis zum andern. Dieses Szenario geht davon aus, dass die «Pushers» der Polizei bekannt sind und von ihr toleriert werden, weil sie der Stadt einen Dienst erweisen und dabei klein und begrenzt bleiben. Sie sind kaum jemandem bekannt, helfen aber unbequeme Proteste der Taxifahrer-Gewerkschaft zu vermeiden. Die Taxifahrer hatten bereits 2014 gegen die Transittaxe und die Zulassung von Systemen wie UBER demonstriert hatte.

Könnte es sein, dass UBER beim Zürcher Gemeinderat, dem Stadtparlament, lobbyiert hatte? Wir sollten Antworten verlangen und vor allem darauf beharren, dass es die «Pushers» tatsächlich auch in Zürich gab um schlussendlich klären zu können, warum sie nie von offizieller Seite zur Kenntnis genommen wurden.


Das Ende der «Pushers»

Mitte 2018 realisierte Knüt, dass ihn seine Arbeit mehr und mehr langweilte. «Es gibt keine Zukunft in diesem Job», schrieb er. In einem Brief an seine Schwester erwähnte er, das Geschäft sei nicht mehr wie früher, scheinbar «nicht wegen zuwenig Kundschaft, sondern von einer Art «Blues», gewachsen aus der Einsamkeit und dem Gefühl, dauernd ignoriert zu werden.»

In der Zeit von Knüts Depression schrieb ihm Schwester Betani einen letzten Brief:












Einige Zeit nach dem Juli 2018 zog Knüt nach Norden. Er hatte die Geschichte der Schweizer gehört, die von Rheinquelle bis zur Nordsee hochsegelten (The Local, 2012). Er wusste nicht genau, wohin er gehen sollte, aber er sah es als Zeichen an, dass er einst aus der Südsee gekommen war. «Die Nordrichtung stimmt», schrieb er. Nachdem er von seinen Freunden in Zürich Abschied genommen hatte, stieg er mit seinem Schlauchboot in die S-Bahn nach Koblenz, Aargau, und startete dort im Rhein die Reise in den Norden.

Unterwegs dachte er daran, Betani und ihr Kind einzuladen, mit ihm zu kommen. Sie hätten über den Störskog fahren und ihn in Malmö treffen können, wo einige seiner Freunde schon sesshaft geworden waren und viel Gutes über ihre Arbeit und ihre Wohnmöglichkeiten berichteten.

Sein Brief an Betani war kurz und bündig:










Zürich, im September 2021








1 Umgangssprache für «Schieber»

2 Umgangssprache für «Schieberei»

3 P. Rérat and L. Lees., Spatial capital, gentrification and mobility: evidence from Swiss core cities, 2010 «Swiss governance aims to promote the city as an attractive location for business interests and investment. Wealth redistribution and welfare are considered as antagonistic to the overriding objectives of economic development (Peck & Tickell 2002, Jessop 2002). The new entrepreneurial strategy leads to a system where cities are considered as the main actors in global competitiveness…»

4 C. Küffer, Why Environmental Justice Matters, 2015 «Environmental injustice is in particular about why those who are rich and in power don’t act. The most disturbing new concept that I encountered at the Lugano Conference was “eco-gentrification”: rich neighborhoods, cities, and nations build their local sustainable ways of living [...] – green parks full of beautiful and rare species, sustainable food stores, and gentle bike trails – while surrounding poor neighborhoods and world regions quietly degenerate. It is what happens in cities around the world, and you could say on a country-scale in Switzerland: a beautiful, safe mountain retreat for a global elite?»

«Lieber Bruder Knüt

Ich schreibe dir heute um dir auf den netten Brief zu antworten, den ich kürzlich erhielt. Kleiner Knüt, ich sehe, du bist gesund und Gesundheit ist, was wir am meisten schätzen sollten.
Mutter geht es gut, ebenso mir und dem Schwein. Die kleine Emilia leidet unter der Jahreszeit, wie jedes Jahr, aber es gibt wenig was wir tun können, ausser zu beten dass sie wenigstens nachts gut schlafen kann.
Klas ist zurückgekommen aber wird bald aufbrechen um dir nachzukommen. Er hat Arbeit bei der Maisernte um den Rest der Schulden bei Herrn Stefanin abzuarbeiten. Bete dafür, dass seine Reise erfolgreich ist, Bruder.

Kleiner Knüt, ich freue mich über deine erfolgreiche Schieberei und wünsche dir alles Gute. Du warst immer derjenige mit den guten Ideen.»